Wenn die unterschriebene Ausfertigung Ihres vor der Ehe geschlossenen Ehevertrags bei der Beendigung Ihrer Ehe nicht auffindbar ist, fragen Sie sich vielleicht, ob sich einer von Ihnen noch darauf berufen kann. Entscheidend sind die Belege dafür, was Sie vereinbart haben – nicht allein, ob jemand das Originaldokument vorlegen kann.
Ein fehlendes Dokument bedeutet nicht unbedingt, dass die Vereinbarung keine Rolle mehr spielt. In IC v AD [2026] EWFC 224 berücksichtigte das Gericht den Ehevertrag weitgehend, obwohl das unterzeichnete Exemplar nicht auftauchte. Alte E-Mails halfen, den Ablauf zu klären.
Der Fall zeigt, warum ein Ehevertrag mehr Aufmerksamkeit verdient als eine schnelle Unterschrift vor der Hochzeit. Sein Wortlaut, die Umstände des Abschlusses und der finanzielle Bedarf bei der Scheidung können entscheidend sein. Dieser Leitfaden betrifft England und Wales, nicht das deutsche Ehevertragsrecht.
Was geschah in IC v AD?
Richter Edward Hess entschied am 20. Juli 2026 nach einer fünftägigen Verhandlung. Das Paar hatte zwei Kinder. Die Beziehung dauerte nach seiner Bewertung etwas mehr als 14 Jahre, einschließlich des Zusammenlebens vor der Ehe.
Beide unterzeichneten ungefähr sieben Wochen vor ihrer Hochzeit im Februar 2012. Jeder hatte einen eigenen Anwalt; die Bedingungen waren ausgehandelt und Finanzinformationen ausgetauscht worden. Keine Seite machte Zwang oder unzulässigen Druck bei der Unterzeichnung geltend.
Nach der Trennung wollte die Ehefrau zunächst nicht bestätigen, dass eine unterzeichnete Vereinbarung existierte. Der Richter stellte nach dem zivilrechtlichen Beweismaß der überwiegenden Wahrscheinlichkeit fest, dass sie das Exemplar aus dem Arbeitszimmer des Mannes genommen hatte, um den Nachweis zu verhindern. Der Mann suchte in damaligen E-Mails. Schließlich räumte sie ein, dass beide unterschrieben hatten.
Die Schlagzeile sprach von einem zerstörten Ehevertrag. Im Urteil wurde jedoch konkret festgestellt, dass die Frau das unterzeichnete Exemplar weggenommen hatte. Bei der abschließenden Verhandlung stand die Existenz der Vereinbarung trotz des fehlenden Dokuments fest.
Warum beendete die fehlende Unterschriftsseite den Fall nicht?
Beide Parteien akzeptierten schließlich, dass sie einen Ehevertrag unterzeichnet hatten, und waren sich über dessen schriftlichen Text einig. Umstritten war vor allem seine Bedeutung. Das Gericht hatte also mehr als einen nicht unterzeichneten Entwurf und die bloße Behauptung einer Seite.
Fehlt Ihr unterzeichnetes Exemplar, sichern Sie letzte Entwürfe, Anhänge, Begleit-E-Mails, Vermögensaufstellungen und die Korrespondenz mit Ihrem Anwalt.
Fragen Sie die damalige Kanzlei nach Akten oder Kopien.
Notieren Sie, wann und wo Sie unterschrieben haben und wer dabei war.
Bewahren Sie nach Möglichkeit die ursprünglichen elektronischen Dateien auf. Verändern Sie keine Nachrichten, bilden Sie keine Unterschriften nach und bezeichnen Sie keinen Entwurf als unterzeichnete Fassung. Sagen Sie offen, wenn Sie sich nicht erinnern. Eine ehrliche Erinnerungslücke lässt sich leichter erklären als eine Darstellung, die den eigenen E-Mails widerspricht.
Durchsuchen Sie nur Konten und Dokumente, auf die Sie zugreifen dürfen. Wenn sich Unterlagen bei jemand anderem befinden, notieren Sie, um welche es sich handelt und wer sie aufbewahrt.
Ist damit jeder Ehevertrag bindend?
Nein. IC v AD wendet bestehendes Recht auf die Umstände einer bestimmten Familie an. Der Fall schafft keine Regel, nach der jeder Ehevertrag durchgesetzt werden muss oder jede nicht unterzeichnete Kopie genügt.
Das maßgebliche Urteil des Supreme Court bleibt Radmacher v Granatino. Vereinfacht gesagt sollten Gerichte eine freiwillig und im Verständnis ihrer Folgen geschlossene Vereinbarung berücksichtigen, sofern es unter den Umständen bei der Scheidung nicht unfair wäre, die Parteien daran festzuhalten. Die Verantwortung für das finanzielle Ergebnis bleibt beim Gericht.
Ein ungleiches Ergebnis reicht allein nicht aus, um einen Ehevertrag beiseitezuschieben. Vermögensschutz kann gerade sein Zweck sein. Der Richter muss dennoch die gesetzlichen Faktoren prüfen, darunter Mittel, Bedarf, Beiträge und das Wohl von Kindern unter 18 Jahren.
In Brack v Brack stellte der Court of Appeal klar, dass ein wirksamer Ehevertrag nicht jedes finanzielle Ergebnis rechtlich auf den Bedarf begrenzt. Das Gericht behält Ermessen. In IC v AD berücksichtigte der Richter dieses weitergehende Ermessen, sah aber auf diesen Fakten keinen Grund, über eine bedarfsbezogene Anpassung hinauszugehen.
Was erhielt die Ehefrau?
Die abschließende Berechnung ließ der Frau Vermögenswerte von 3.134.441 £, einschließlich bereits eigener Werte, sowie einen hälftigen Anteil am Familienheim. Dieser Anteil wurde mit 703.250 £ bewertet. Zusammen waren das rund 3,84 Millionen £. Sie durfte außerdem unter einer Regelung im Haus bleiben, die den Zugriff des Mannes auf seinen Anteil aufschob: voraussichtlich bis zum Abschluss der Ausbildung des jüngsten Kindes einschließlich eines ersten Hochschulabschlusses im Jahr 2037. Das Wohnrecht war nicht dasselbe wie das Eigentum am ganzen Haus.
Die 3.134.441 £ enthielten bereits 1 Million £ zur Abgeltung ihres Ehegattenunterhaltsanspruchs durch Kapital. Es kam also nicht noch eine Million hinzu. Ebenso wenig musste der Mann zusätzlich jeden Monat 13.000 £ an sie zahlen. Der Richter verwendete einen monatlichen Bedarf von 13.000 £ als Ausgangspunkt für Berechnung und Anpassung der Kapitalversorgung.
Kindesunterhalt war getrennt geregelt: 1.000 £ pro Kind und Monat, dazu Schulgebühren und bestimmte zusätzliche Ausgaben nach den im Urteil behandelten Bedingungen.
Der Mann behielt beträchtliche Vermögenswerte, darunter Unternehmensinteressen mit ungewissem Endwert und Zahlungszeitpunkt. Die im Urteil genannten 23,79 Millionen £ standen vor der Unterhaltsanpassung und waren kein endgültiger Bargeldbestand. Auch die Kategorie von rund 18 Millionen £ an aufgeschobenen Vermögenswerten bestand nicht nur aus Altersvorsorge, sondern umfasste erhebliche Unternehmensinteressen.
Der Wortlaut führte zum teuren Streit
Der Richter kritisierte die mangelnde Klarheit der Formulierungen. Das Paar stritt darüber, ob nur bestimmte Immobilien geschützt waren oder Teilungsansprüche auf wesentlich mehr Vermögen ausgeschlossen wurden.
Das Gericht verstand den Vertrag grundsätzlich als Ausschluss von Teilungsansprüchen auf Vermögen im alleinigen Namen des Mannes, mit bestimmten Ausnahmen. Dazu gehörten gemeinsame Werte, Wohnregelungen und Zahlungen aus einem bestimmten Investmentfonds. Spätere Fonds wurden anders behandelt.
Wenn Ihnen jemand sagt: „Das schützt nur das Unternehmen“, fragen Sie genauer nach. Welche Beteiligungen, künftigen Zahlungen, Wertsteigerungen und Ersatzvermögenswerte sind erfasst? Was geschieht, wenn Geld in ein gemeinsames Haus fließt oder ein Verkaufserlös neu angelegt wird?
Gehen Sie konkrete Beispiele mit Zahlen durch. Bevor Sie unterschreiben, sollten Sie das Ergebnis in einfachen Worten erklären können.
Wenn Sie den Vertrag angreifen wollen, benennen Sie das konkrete Problem
Trennen Sie Ihre Einwände. Geht es um die Unterzeichnung, die vereinbarte Fassung, Ihr Verständnis, Druck, die damals bekannten Finanzinformationen oder Ihren heutigen Bedarf? Diese Fragen verlangen unterschiedliche Belege.
Wenn Sie finanziell nicht zurechtkommen würden, erstellen Sie ein realistisches Budget. Berücksichtigen Sie Wohnen, Kreditmöglichkeiten, Kinderbetreuung, Gesundheitskosten, Altersvorsorge und die Zeit für eine Rückkehr in bezahlte Arbeit. Bewahren Sie Unterlagen auf, die Ihre Ansätze erklären.
In IC v AD würdigte der Richter den vollen Beitrag der Frau als Hausfrau und Mutter. Sorgearbeit wurde nicht geringer bewertet als Erwerbsarbeit. Daraus folgte aber kein automatischer Anspruch auf die Hälfte jedes Vermögenswerts.
Auch ein in der ursprünglichen Finanzaufstellung fehlendes Unternehmensinteresse wurde geprüft. Den Beweisen zufolge wusste die Frau vor der Unterzeichnung im Wesentlichen davon. Das macht unvollständige Offenlegung nicht unbedenklich: Es zeigt, wie wichtig Einzelheiten des damaligen Wissens sein können.
Ein realistisches Beispiel: Der Familienplan ändert sich
Stellen Sie sich vor, Maya unterschreibt, während beide voll arbeiten. Acht Jahre später braucht ihr Kind erhebliche Unterstützung und Maya hat ihre Arbeitszeit reduziert. Ihr Partner behauptet, sie könne nach dem Vertrag nur mit ihren Ersparnissen gehen. Maya erinnert sich, dass angeblich nur eine geerbte Wohnung geschützt werden sollte.
Ihr erster sinnvoller Schritt ist, die Vereinbarung und die Unterlagen zu ihrer damaligen Rechtsberatung zu beschaffen und anschließend festzuhalten, was sich geändert hat: Betreuungsverantwortung, entgangenes Einkommen, Wohnmöglichkeiten und laufende Ausgaben. Zu klären ist, was die Formulierungen bedeuten und ob das vorgeschlagene Ergebnis unter diesen Umständen fair ist. Die bloße Aussage „Wir haben jetzt Kinder“ beantwortet keine dieser Fragen. Dies ist ein veranschaulichendes Beispiel und kein weiterer veröffentlichter Gerichtsfall.
Fragen Sie vor der Unterschrift, wie das Leben mit dem Vertrag aussähe
Beide Parteien sollten sich vor der Unterzeichnung jeweils unabhängig rechtlich beraten lassen und genügend Zeit haben, die Bedingungen und ihre Folgen zu verstehen.
Tauschen Sie klare Finanzinformationen aus.
Sprechen Sie über Kinder, Berufspausen, Krankheit, Umzüge und Ruhestand.
Wie werden Wohnen, Einkommen und Altersvorsorge für denjenigen gesichert, der mehr unbezahlte Sorgearbeit übernimmt?
Vereinbaren Sie, wann die Regelungen überprüft werden sollen, insbesondere nach wesentlichen Veränderungen. Bewahren Sie unterschriebene Ausfertigungen und die dazugehörigen Anlagen sicher auf, sodass beide Personen eine eigene Ausfertigung erhalten können. Eine spätere Überprüfung oder ein nach der Eheschließung geschlossener Ehevertrag sollte festhalten, was sich geändert hat und welchen Regelungen beide Personen nach ihrem jeweiligen Verständnis zustimmen.
Eine hilfreiche Frage lautet: „Wenn wir uns nach zehn Jahren trennen und ich fünf Jahre lang unser Kind betreut habe: Was würde mir gehören, wo könnte ich wohnen und wovon würde ich meine Rechnungen bezahlen?“
Bleiben Sie bei den Streitkosten realistisch
Die gemeinsamen Rechtskosten der Parteien in IC v AD überstiegen 1 Million £. Der Richter kritisierte das Verhalten der Frau wegen des fehlenden Dokuments, verhängte deswegen aber keine allgemeine Kostentragungspflicht gegen sie. Die Parteien einigten sich auf keine allgemeine Kostenanordnung, abgesehen von der früheren Verpflichtung des Mannes, ihre noch offene Rechnung zu begleichen.
Bevor Sie sich auf einen Streit über die Auslegung einlassen, vergleichen Sie, was die verschiedenen Lesarten für die finanzielle Regelung bedeuten und welche Kosten die Klärung verursachen könnte. Ist eine Einigung möglich, stellt sich als Nächstes die Frage, wie die finanzielle Regelung in einem gerichtlichen Beschluss festgehalten werden kann. Ein vor der Ehe geschlossener Ehevertrag regelt die finanziellen Folgen einer Scheidung nicht allein abschließend.
FAQ: Fragen, die man ungern stellt
Habe ich den Ehevertrag aufgehoben, wenn ich meine Kopie zerreiße?
Nein. Wenn Sie Ihre Ausfertigung vernichten, wird die Vereinbarung dadurch allein nicht aufgehoben. Andere Belege können ihre Existenz und ihren Inhalt nachweisen. Wenn Sie die Regelungen ändern möchten, besprechen Sie mit Ihrem Partner oder Ihrer Partnerin eine neue Vereinbarung, statt auf das Verschwinden von Unterlagen zu vertrauen.
Mein Partner sagt, sein Anwalt könne uns beide beraten. Genügt das?
Beide Parteien sollten sich vor der Unterzeichnung jeweils unabhängig rechtlich beraten lassen. Ein Solicitor, der Ihren Partner oder Ihre Partnerin vertritt, vertritt nicht Sie. Das ist eine wichtige Schutzmaßnahme, aber keine Garantie dafür, dass das Gericht jede Klausel durchsetzen wird. In Radmacher v Granatino [2010] UKSC 42 stellte der Supreme Court darauf ab, ob beide Personen freiwillig zugestimmt, die Auswirkungen verstanden hatten und unter dem Gesichtspunkt der Fairness an der Vereinbarung festgehalten werden konnten. Fehlende Rechtsberatung macht einen vor der Ehe geschlossenen Ehevertrag nicht automatisch unwirksam, kann aber erhebliche Zweifel daran offenlassen, ob die Zustimmung in Kenntnis der Folgen erfolgte.
Heben Kinder das unterschriebene Dokument automatisch auf?
Nein. Kinder und Betreuungsverantwortung können den Bedarf und die Beurteilung dessen verändern, was fair ist, setzen einen vor der Ehe geschlossenen Ehevertrag aber nicht automatisch außer Kraft. Bei einer Überprüfung sollten die aktuellen Umstände berücksichtigt werden.
Garantiert eine Unterschrift 28 Tage vor der Hochzeit die Wirksamkeit?
Nein. Nach geltendem Recht ist das keine Garantie. In ihrer Konsultation von 2026 schlug die Regierung Ehevereinbarungen vor, die bestimmte Voraussetzungen erfüllen („qualifying nuptial agreements“), und erörterte eine Schutzfrist von 28 Tagen. Mit Stand vom 7. September 2026 sind diese Konsultationsvorschläge kein gesetzlich eingeführtes System automatisch verbindlicher Eheverträge. Beginnen Sie lange vor der Hochzeit und planen Sie Zeit ein, um die Bedingungen zu verstehen und auszuhandeln.
Wir haben im Ausland unterschrieben. Betrifft uns dieser englische Fall?
Werden die finanziellen Folgen der Scheidung in England und Wales geregelt, kann eine ausländische Vereinbarung von großer Bedeutung sein. Eine Unterzeichnung im Ausland hebt den Ermessensspielraum des Gerichts jedoch nicht auf. Die beteiligten Länder, die Sprache, die Sie verstanden haben, und der mögliche Ort des Verfahrens spielen dabei eine Rolle. In anderen Rechtsordnungen, auch in Schottland, können andere Regeln gelten.
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Informationen. Er ist keine rechtliche, finanzielle, medizinische oder steuerliche Beratung.
